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Einmal Brocken und zurück
Etwas müde, kam ich am Morgen des 30.05.03 gegen 6:00 Uhr morgens in Gernrode / Harz an. Wie erwartet, herrschte vor dem 3-ständigen Lokschuppen schon reges Treiben.
Die Loks: 99-6001-4 (1C1), 99-6102-0 (C) – Fiffi wurden abgeölt. Im Schuppen dampfte noch die Mallet 99-5906-5 (B’B). Außerdem befanden sich noch eine Neubaulok und ein Triebwagen im Innern. Die Lokführer
erschienen. Die Mallet fasste Wasser und begann dann mit den umfangreichen Rangierarbeiten. Schließlich waren
insgesamt 3 Züge zusammen zu stellen, zwei Planzüge und unser Sonderzug. Mallet 99-5906-5 setzte sich vor den ersten Planzug und verließ qualmend und pfeifend (BÜ) den Bahnhof Gernrode.
Fiffi (99-6102-0) hatte inzwischen hinter dem alten Verwaltungsgebäude der GHE Kohlen gefasst, und zog zwei Personenwagen und einen Servicewagen zum Ausfahrgleis vor.
Die Sitzplätze waren alle namentlich reserviert. Und so gab es kein Gedränge beim Einsteigen.
Mit kaum 10-minütiger Verspätung ruckte der Zug an, und Fiffi konnte erstmals ihre 240 PS spielen lassen. Heiko
Fricke vom FSK (Freundeskreis Selketalbahn) erklärte uns den weiteren Ablauf des Tages und die Verwendung der Verzehrlisten.
Mittlerweile hatten wir Gernrode verlassen. Da die Sitzplätze in den DR-Schmalspur-wagenkästen doch etwas
beengt waren (außerdem wollte ich ja auch was von der Strecke sehen), packte ich meine Film- und Fotoausrüstung
in die geräumigen Taschen meines Parka und sicherte mir einen Platz auf der ersten Plattform, gleich hinter der Lok.
So konnte ich Fiffi quasi ins Wohnzimmer oder sollte man besser sagen Arbeitszimmer schauen. Mir war in
Gernrode schon aufgefallen, das der Arbeitsplatz des Lokführers durch einen Hüft hohen Bretterverschlag vom
Heizer abgetrennt war. Nanu, mochten sich die beiden etwa nicht leiden? Doch im Gegenteil, beide schienen sich
angeregt zu unterhalten. Die freundlichen Gesichter deuteten auch nicht auf irgendwelche Konflikte hin. Des Rätsels
Lösung: Da die Lok Fiffi eigentlich keine Streckenlok ist, nutzte man den Platz zwischen Heizer und Lokführer für eine zusätzliche Kohlenladung.
Bei meinem Platz in der „Ersten Reihe“ lernte ich auch eine Unart von Fiffi kennen:
Die Lok neigt zum Stampfen. Akustisch hörte sich das an wie der Auspuffschlag einer Dreizylindermaschine (puff,
puff, puff – puff, puff, puff). Praktisch ruckelte die Lok, was man besonders gut an den Zug- und Stoßvorrichtungen
(Puffer und Haken) zum ersten Wagen sehen konnte. Dieses Ruckeln kommt wahrscheinlich von den zu leichen
Ausgleichgewichten an den kleinen Antriebsrädern und schwächt sich natürlich bis zum letzten Wagen etwas ab.
Nach einiger Zeit gewöhnte man sich auch daran und genoss nur noch den besonderen Klang der Maschine.
Die Fahrt durch das Selketal war eine Mischung aus „Unterem Brohltal“ (viel Wald) und „Nassauischer Kleinbahn“
(tiefe Felseinschnitte). Fiffi löschte bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihren Durst (Alexisbad, Eisfelder Talmühle,
Drei Annen Hohne, Brocken). In Eisfelder Talmühle trafen wir nicht nur auf die Schienen der Harzquerbahn sondern dort war auch das versprochene Cabrio von der HSB bereitgestellt worden.
Anfangs wollte fast jeder auf den offenen Güterwagen, und so musste ich mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Da
das einige Vorteile beim Filmen und Fotografieren brachte, setzte ich mich auch später kaum, als mehr Plätze frei
wurden. Heiko Fricke hatte uns schon vorher angedeutet, dass “Cabrio fahren “ auch seine Schattenseiten hat. Im
Brohltal hatte ich auch schon unmittelbar am Schornstein unserer Lok VI auf offener Plattform gestanden. Aber da
ging es ja nur bergab mit maximal 15 km/h, und der Lokführer brauchte kaum den Regler auf zu machen. Hier ging es
von der Eisfelder Talmühle erst einmal bergauf, und wie die Leuchtschrift des elektronischen Tachometers anzeigte
wurde oft die V max. von 30 km/h erreicht. Fiffi machte sich entsprechend Luft und verteilte Rußpartikel bis zur
Stecknadelkopfgröße auf die Besatzung des offenen Wagens. Wer da helle Kleidung anhatte war eindeutig im
Nachteil. Ab und an wurde auch etwas Speisewasser überrissen und verließ den Schlot von Fiffi als warme Brause.
Nachdem wir zwischen Sorge und Elend den höchsten Punkt der Harzquerbahn erreichten, ging es leicht bergab über die Hochfläche des Harzes.
Als wir Drei Annen Hohne erreichten, erblickten wir ein gepflegtes Bahngelände, von dessen vier Gleisen, ständig mindestens zwei belegt waren. Dieser Bahnhof ist der Dreh- und Angelpunkt der HSB. Hier werden die
Touristenströme von Wernigerode und Nordhausen zum Brocken umgelenkt und kreuzen sich noch mit den Durchgangszügen. Nicht umsonst gibt es einen Einheitstarif zum Brocken. Böte man von Schierke oder Drei Annen
Hohne günstigere Tarife an, käme es wohl an Wochenenden und Feiertagen zum Verkehrskollaps.
Schon jetzt kann man nur durch mehrere Blockstellen, Zugbegegnung in Schierke und einem zusätzlichen Rückdrückgleis auf freier Strecke, den Verkehr bändigen. Der 30.05.03 war ein sogenannter Brückentag zwischen
Himmelfahrt und dem Wochenende, das Wetter war warm und sehr sonnig und so sollten wir auf dem Brockengipfel chaotische Zustände erblicken.
Doch zunächst war Fiffi wieder einmal durstig und wurde anschließend von einem eigens angereisten Kleinlaster mit
Ladekran bekohlt. Dann mussten wir auf das Ausfahrtsignal warten, bis der vorausfahrende Zug, bespannt mit einer
schweren Einheitslok (1E1) die erste Blockstelle durchfahren hatte. Mittlerweile war unser Zeitplan schon etwas aus
den Fugen geraten und zwei geplante Fotohalte mussten geopfert werden. Das Signal wurde gelb, wir hatten freie
Fahrt, bis zum nächsten Blocksignal. Dort warten, warten, warten. In Schierke kreuzten wir einen Tal fahrenden Zug.
In einem großen Bogen und in ständiger Steigung puffte unsere Lok den Berg empor. Viele der zu Tal gehenden
Wanderer hielten inne, und winkten uns freundlich zu. Eine letzte 360 Grad Kurve um den Gipfel des Brocken,
brachte uns zum Endbahnhof, der uns schon prall gefüllt erwartete. Zusätzlich zu den Regelzügen, war noch ein
zweiter Sonderzug hier oben. Und da sah ich auch eine gute alte Bekannte: Die HSB-Mallet, die im letzten Jahr im
Brohltal weilte“99-5902“, hatte einen historischen Sonderzug mit 3 grünen Oldtimerwagen auf den Brocken gezogen.
Sicher keine große Mühe für die Lok, die ihre Kraft so eindrucksvoll auf der Steilstrecke nach Engeln unter Beweis
gestellt hatte. Etwas unscheinbar, aber wie ein Orden, konnte man noch an ihrem Rahmen die Worte „für Steilstrecke“ lesen. Sicherlich ein Unikat an einer Schmalspurdampflok.
Fiffi wurde auch hier oben wieder betankt und bekohlt. Wir aber, hatten einige Zeit, uns auf dem Brocken um zu
sehen. Das Wetter war, wie schon erwähnt heiter, doch ein feiner Dunst ließ keine Fernsicht zu. Die Städte rund um
den Brocken waren jedoch gut zu erkennen. Man konnte sogar das Schloss von Wernigerode ausmachen. Das
Restaurant war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, und daher boten provisorisch aufgestellte Wurst- und
Getränkebuden ihre überteuerten Waren an. Da ich gern nur soviel bezahle, wie eine Ware wert ist, und Schlange
stehen auch nicht zu meinen großen Leidenschaften gehört, wandte ich mich alsbald wieder unserem Zug zu und ließ
mir Kaffe und Kuchen (lecker und preiswert) schmecken. Etwa 93km hatte Fiffi bisher ohne Mucken zurückgelegt.
Keine Selbstverständlichkeit für eine Dampflok im 89 ten Jahr. Aber sie war ja auch erst im letzten Jahr in Mansfeld
für ca. € 250 tausend überholt worden und muss dieses Geld auf Sonderfahrten wieder verdienen.
Die vom Brocken abfahrenden Züge boten ein Schauspiel, bei dem Menschenwürde nicht mehr zählte. Kaum hielt ein
Zug, drängten sich von beiden Seiten riesige Menschenmassen in die Wagons, ungeachtet der Schwierigkeiten,
welche die Neuankömmlinge dadurch beim Aussteigen hatten. Einschließlich der Übergangsbühnen war alles bei der Abfahrt brechend voll.
Zum Glück war in unserem Sonderzug ausreichen Platz für alle. Ich hätte lieber zu Fuß den Brocken verlassen, als mich in so einen Planzug hinein zu quetschen.
Schließlich war es auch für uns so weit, und wir kehrten dem Blocksberg den Rücken. In Drei Annen Hohne
wechselte aus arbeits- und betriebsrechtlichen Gründen das Lokpersonal. Zwei jüngere Herren trieben jetzt Fiffi ihrem Heimatbahnhof entgegen.
In Eisfelder Talmühle hängten wir wieder den HSB-Cabrio ab. Plötzlich tutete es, und aus dem Selketal fuhr der
historische Triebwagen T1 als Sonderfahrt in den Bahnhof ein. Doch das war noch immer nicht alles. Kurz
nacheinander liefen je ein Triebwagenzug aus Wernigerode und Nordhausen auf den Gleisen der Harzquerbahn ein.
Der Zug nach Wernigerode nahm dann auch das Cabrio mit. T1 hatte schon den Bahnhof in Richtung Nordhausen
verlassen. Fiffi hatte Wasser gefasst und umgesetzt und so fuhren wir dem Ende der Fahrt entgegen. In Alexisbad
(Wasser fassen) trafen wir noch auf einen Triebwagen, der von Harzgerode herunterkam. In Gernrode angekommen,
sahen wir Cabriofahrer aus wie der Mohr in Struwwelpeter. Die Lösche rieselte nur so an den Jackenärmeln herunter. – Aber es hat richtig Spaß gemacht. Tschüß ihr Eisenbahnfreunde – vielen Dank FSK –
Auf Wiedersehen Fiffi. Auch wenn dich damals bei der Nassauischen Kleinbahn keiner haben wollte. Als Lok des
FSK (der dich liebevoll pflegt), kannst du zeigen, das du besser bist, als deine hochgelobten vierachsigen Kollegen, die schon lange der Schneidbrenner zerteilt hat.
Alexander Mai IBS-Brohltalbahn
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