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Biographie des Paul Karl Dorscheimer
Um meinen Großvater Paul Karl Dorscheimer ausreichend zu beschreiben, muss ich doch etwas weiter ausholen: Mein Urgroßvater, Christian Dorscheimer nahm noch am Krieg 1870/71 teil. Da man damals nicht nur die Gefallenen, sondern auch die überlebenden
Kriegsteilnehmer notierte, kann man seinen Namen noch am Braubacher Kriegerdenkmal verzeichnet finden. Man hatte sein Auskommen, aber konnte keinen Reichtum anhäufen. Die Kleidung war einfach und zweckmäßig. Wenn die Kinder aus der Schule kamen,
mussten sie ihr Schulkleidung aus- und Arbeitskleidung anziehen, die bei den Jungen aus Leinenhemd,
Manschesterbuxen“ (Cordhosen aus dem strapazierfähigen Manchester – Baumwollstoff). blauleinene Schürzen, wie sie z.B. auch von Schreinern getragen werden und genagelte Schuhe bestand. Die Schuhe, deren vorderen Sohlen vollständig mit Schuhnägeln beschlagen wurden, hatten Vorteile: Die teuren Ledersohlen hielten länger und die Standfestigkeit in den steilen Weinbergen war gut. Jedoch klapperten sie ohrenbetäubend auf dem Straßenpflaster und waren dort auch sehr rutschig. Die Frisuren der Buben waren einfach. Im Sommer eine Haarglatze, im Winter etwas länger. Das Frühstück bestand aus einem „Butterstück“ (Butterbrot) und einem „Schmierenstück“ (trockene Brotscheibe mit etwas Pflaumenmus, Marmelade oder Gelee). Fleisch gab es nur Sonntags, Samstags eine „Dicke Supp“ (Bohnen-, Erbsen-, oder Graupensuppe), ansonsten wiederholte sich auch der Speiseplan der restlichen Woche. Als die Jungen in das entsprechende Alter kamen, reichte das Essen meist hinten und vorne nicht. Die Essenszeiten wurden strikt eingehalten, wer nicht rechtzeitig kam, schaute nur noch in den leeren Topf. Recht und Ordnung wurden in Braubach von einem Gendarmen verkörpert, den die Jugend wegen seines riesigen Schnurrbartes nur den „Kater“ nannten. Er war eine sehr martialische Respektperson, was die Kinder nicht daran hinderte, ihn zu necken und zu foppen. Paul Karl, der 1887 geboren wurde hatte als dritter von 7 Kindern keinen Beruf lernen können, sondern musste, wie seine beiden älteren Geschwister, die Familie mit ernähren, also direkt nach Abschluss der (8-klassigen)Volksschule arbeiten gehen(nur die jüngsten Brüder konnten Berufe erlernen, die damals noch Lehrgeld kosteten). Das war z.B. Arbeit im Feld oder Weinberg, sowie der Transport von Reisenden vom Rheinschiff zum Ufer mittels eines Nachens. (Die Landungsbrücken für die Fahrgastschiffe wurden erst später gebaut). Einige Zeit fuhr Paul als Schiffsjunge und Smutje auf dem Rheinschiff seines Onkels. Dort lernte er naturgemäß (Smutje = Schiffskoch) auch kochen, sowie stopfen und stricken. Später, als die Gleise der Nassauische Kleinbahn Braubach und den Hafen erreichten, verdingte sich Paul als Verladearbeiter und turnte mit schweren Säcken auf dem Rücken über schwankende Stege auf die Rheinkähne. Das wurde jedoch überflüssig, als der große Portalkran errichtet wurde. Da Paul sich jedoch als fleißig und anstellig erwies, vertraute man ihm die Stückgutverladung der Nassauischen Kleinbahn an. Er betrieb dies als Agentur, also auf eigene Rechnung und
eigenes Risiko. Heute würde man das als Ich - AG bezeichnen. Aber er beschäftigte auch Lohnarbeiter. Das war nach Aussage meiner Mutter sein "goldenes Zeitalter". Doch die Stückgutverladung begann erst nach seiner 2 1/2-jährigen Militärpflichtzeit. Durch die Zeit auf dem Rheinschiff fühlte er sich als Matrose. Wahrscheinlich plagte ihn auch ein gewisses Fernweh, einmal aus dem Kreis seiner sechs Geschwister auszubrechen und etwas besonderes zu erleben. Jedenfalls war er tropentauglich und so meldete er sich freiwillig zur Matrosenartillerie Kiautschou. Die -harte- Grundausbildung fand in Cuxhaven statt. Die Abreise hat er ja selbst in Tagebuchform in Tsingtau nacherfasst. Er selbst hat mir einiges aus dieser Zeit erzählt, von dem mir leider nicht sehr viel
im Gedächtnis blieb. Er erzählte z.B. von Schießübungen. Ein Richt- und ein Ladeschütze bedienten das Geschütz, dass von 2 anderen Matrosen um die Längsachse nach Kommando des
Richtschützen gedreht wurde. Geschossen wurde auf Zielscheiben, die auf Schleppschiffen montiert wurden. Wenn der Vorhalt, der durch die Schleppgeschwindigkeit beeinflusst
wurde, nicht richtig berechnet war, gerieten die Schleppschiffe selbst in Gefahr, versenkt zu werden. Überhaupt hat er die damals mangelnden Hygiene und den Schmutz des Chinesenviertels beklagt. Geländeübungen, Exerzieren, Wachestehen waren die Hauptbeschäftigung für die deutschen Soldaten. Paul Dorscheimer vertrieb sich die Zeit mit Kartenschreiben, Gedichte verfassen und rauchen. So faszinierend das fremde Land auch war, nach 2
Jedoch die Rückkehr meines Großvaters verzögerte sich durch die Lungenpest zum Jahreswechsel 1910/11 die von rückkehrenden Gastarbeitern aus der Mandschurei eingeschleppt worden wäre, hätte man nicht eine wirkungsvolle Quarantänesperre um Tsingtau und später auch um den Landbezirk gelegt. Die Grenzsperre zur Abwehr der Lungenpest dauerte vom 5.Februar bis zum 6.April 1911. In dieser Zeit waren alle Unterkünfte für Soldaten doppelt belegt. Danach konnte mein Großvater endlich die Heimfahrt antreten (“Princess Alice"). Er hatte seinen kargen Sold in Tuschebilder, Fächer, Opiumpfeife, 2 herrliche Postkartenalben mit Seidenmalerei und aufwendigem Muschel und Perlmuttbesatz ausgegeben. Leider sind diese Stücke, soweit sie noch vorhanden sind, teils stark ramponiert. Die Ansichtspostkarten sind noch recht gut erhalten und auch die großformatigen Fotos. Die kleineren Fotos sind jedoch kaum noch zu nutzen. Zusammengeklebt, sind kaum noch Grauwerte zu erkennen und selbst mit einer guten Photosoftware ist da nicht mehr viel zu machen. (Siehe verschiedene Ansichten von Tsingtau, Fürst Bismarck, Scharnhorst, T-Boote, Werft). Viele der größeren Bilder, sowie einige japanische Ansichtskarten kaufte er bei dem damals sehr beliebten Photographen Takahashi. Dieser war Japaner und stand später im Verdacht, für die Japaner spioniert zu haben. Einige Hinweise in der Literatur deuten auch darauf hin, wenngleich ich bisher nirgendwo einen direkten Beweiß für eine Aussage meines Opas fand, in der er Takahashi als Japanischen Rittmeister bezeichnete, der den Deutschen Offizieren nach dem Sturm auf Tsingtau eine „ehrenhafte Kriegsgefangenschaft“ anbot. Nur 3 kurze Friedensjahre waren Paul gegönnt. Dann stand die Welt zum ersten Mal in Flammen. 1914 begann mit den Schüssen von Sarajewo, der Erste Weltkrieg. Als Artilleristenmaat wurde er in Lehe bei Bremerhaven eingezogen. Per Verfügung der Nordseestation der Kaiserlichen Marine kam Paul zur Luftschiff-Flotte,und dort zur Bodentruppe. Er avancierte zum Obermaat und Zugführer. Düren und Ahlhorn (bei Oldenburg) sind als seine Einsatzorte belegt. u
Paul war Mitglied im Gesangverein „Quartettverein“ und Mitglied, später Spritzenführer und Ehrenmitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Nach dem Krieg heiratete er Karoline Wagner und kaufte ein Haus von etwa 90qm wo er
wegen anfänglicher Kinderlosigkeit einen Untermieter aufnehmen musste. Ein Sohn starb kurz nach der Geburt. 1924 wurde Tochter Paula (meine Mutter) geboren und dabei blieb
es dann. Während der Inflation verloren seine Ersparnisse an Wert und er musste sein Haus fast zweimal bezahlen. Meine Mutter kann sich auch noch an eine Fahrt mit der Nassauischen Kleinbahn erinnern, als sie etwa 4-jährig (1928) auf der Plattform stehend, den Zollgrund durchquerte. Wenn die Familie dann abends heimkehrte, hatten oft Ziegen und Schweine ihre Trennwände eingerissen, was wiederum Karoline (Laterne) und Paul (Hammer und Nägel) zur Nachtschicht veranlasste. Einmal hatten die Dorscheimers einen Hammel (Schafsbock), der so zutraulich wurde, dass er meine Mutter oft in Garten oder Weinberg begleitete. Mein Großvater nahm ihn mit in den Garten, um ihn weiden zu lassen. Doch der Hammel erblickte Paula im Wingert und riss sich los, um zu ihr zu gelangen. Paul lief sofort hinterher, konnte ihn aber nicht vor dem Weinberg erreichen. Der Hammel war auch sehr verspielt, einmal schubste er Paula, dass diese den ganzen Berg herunterkullerte. Als dann das Tier geschlachtet wurde, konnte sie verständlicherweise keinen Bissen von seinem Fleisch essen. Manchmal führte ein Sonntagsspaziergang die Familie zum Lahnsteiner Güterbahnhof, wo sich mein Opa anhand der Güterwagen- Begleitpapiere über die Arbeit der nächsten Woche unterrichtete. Karoline brachte oft zusammen mit ihrer Tochter Paula, das Mittagessen für ihren Mann zum Kleinbahnhof. Dabei machte Paula eine sehr schmerzliche Bekanntschaft mit Kleinbahnschienen. Die Kleinbahner machten sich einen Spaß, das kleine Kind zu necken. Dabei erschrak sich Paula und stolperte einen Schritt rückwärts, verlor das Gleichgewicht und schlug mit dem Hinterkopf auf das Gleis auf. Sie blutete stark, was wiederum Paul veranlasste dem Verursacher ernsthaft Prügel anzudrohen. Nachdem die Nassauische Kleinbahn die Braubacher Strecke ab Miehlen 1932 stillgelegt und abgerissen hatte, verlor Paul Dorscheimer seine Arbeit und wurde nach damaligen Sprachgebrauch „erwerbslos“. Er half mit beim Bau der Hinterwälder Chausee und fand dann Anstellung bei der „Blei und Silberhütte“. Das vertrug er jedoch gesundheitlich nicht. Da er einige Gärten und Weinberge geerbt hatte, machte er sich als Obst- und Weinbauer selbstständig. Er begann zu pfropfen und zu veredeln – kein Baum war vor ihm sicher! Nur das biologische Gesetz: Kernobst pfropf auf Kernobst – Steinobst auf Steinobst konnte ihn in seinem Tatendrang etwas bremsen. Da Bargeld rar war, lernte er mit den Schätzen der Natur weitgehend auszukommen. Leitern baute er aus dünnen Fichten und geschnitzten Eichensprossen. Er flocht Mistkietzen und kleine Pflückkörbe aus gespaltenen Haselnusszweigen, große Körbe aus Weide (und das noch bis kurz vor seinem Tode). Zäune wurden meist aus Eichenholz errichtet und mit Maschen- oder Stacheldraht bespannt. Nägel wurden auf einem kleinen Dengelamboss geradegeklopft und ein zweites Mal verwendet. Da Paul das zweifelhafte Glück hatte, sich in den 30er Jahren im Obstbau selbstständig zu machen, profitierte er natürlich auch von der Politik der NSDAP, die für die Landwirtschaft feste Mindestpreise garantierte. Ansonsten betrachtete er speziell die Braubacher Parteimitglieder und ihre Vetternwirtschaft mit Argwohn. Er war kein Widerstandskämpfer, steckte zu den anbefohlenen Umzügen die rotbraunen Fahnen an die Fensterhalter und versuchte nicht aufzufallen. Aber immerhin nahm er seine Tochter nach einem Zwischenfall aus dem BDM und verbot ihr, dort jemals wieder hin zu gehen. In die 30er (etwa 1938/39)fällt auch noch ein tragischer Zwischenfall mit der Kleinbahn. Ein Vetter meines Großvaters, wollte am Hotel Kaiserhof (kurz vor der Bahnunterführung), die Straße überqueren. - Die Kleinbahn fuhr damals nur noch über das Dreischienengleis zwischen Blei und Silberhütte und Bahnhof bzw. Hafen, da das Streckengleis nach Miehlen schon abgebaut war. – Der Vetter sah das Güterzüglein kommen und wollte schnell noch Gleis und Straße überqueren. Doch er hatte ein herannahendes Auto übersehen. Vor Schreck sprang er zurück, direkt vor die Kleinbahnlok. Er war sofort tot. Paula war zu diesem Zeitpunkt in der Stadt. Sie sah nur die genagelten Schuhe und die blaue Schürze. Die Leute sagten „ Die Kleinbahn hat den Dorscheimer tot gefahren“. Doch zum Glück (für Paula) war es nicht ihr Vater, der dort lag. Diese Geschichte ist allerdings bisher in keiner Publikation erwähnt worden. Der Zweite Weltkrieg nahte, viele junge Burschen wurden zum Militär eingezogen und fehlten an anderer Stelle. Während sich die Parteigenossen Fremdarbeiter in ihre Weinberge holten, wurde Paul als Flurschütz und Reblauskontrolleur verpflichtet. Auch die Frauen mussten in Industrie- und Rüstungsbetrieben aushelfen. Kurz vor der Kapitulation wurde noch ein Volkssturm aufgestellt. Paul wäre mit 58Jahren noch im passenden Alter gewesen, doch derjenige, der die Truppe aufstellte, stellte ihn frei. Er habe durch seinen Dienst in Tsingtau und im Ersten Weltkrieg genug für sein Vaterland geleistet. Während der Bombenangriffe auf den nahegelegenen Lahnsteiner Güterbahnhof und des direkten Artilleriebeschusses am Kriegsende, flüchteten viele Braubacher in den Grubenstollen der Grube Rosenberg auf der Kerkerts. Manche Nächte verbrachten dort Karoline und Paula, während Paul sich oft nur in einen nahe des Hauses befindlichen Splittergraben flüchtete. Paula erkrankte an Diphtherie. Während sie vorübergehend gelähmt wurde, hatte sich der Arzt, der ihr eine Folgespritze verabreichen sollte aufs Land, in Sicherheit gebracht. Doch langsam ging es wieder bergauf. Paula heiratet 1946 und im Sommer 1947 erblickte mein Bruder Kurt das Licht der Welt. 1952 erkrankte Karoline an Krebs und verstarb. Paul war nun Witwer. Daher besaß er eines der ersten Detektorradios in Braubach, später ein 3-Röhren Audion von Telefunken und 1957 schon, zusammen mit uns, einen gebrauchten Fernseher. Auch las er regelmäßig seine Tageszeitung.
Weinlese auf dem Blosberg
Mein Großvater war ein sehr mäßiger Mensch mit einem regelmäßigen Tagesablauf. Abends
um 20:15 Uhr nach der Tagesschau, legte er sich ins Bett und stand früh wieder auf. Die einzigen Genüsse die er sich gönnte, waren eher bescheiden. Z.B. aß er nur „gute Butter“ auf dem Brot und verschmähte Margarine. Soweit uns die Obsternte Zeit ließ, machten wir Ende der 50er- und Anfang der 60er Jahre einige Ausflüge auf dem Rhein mit der KD bis Rüdesheim
Ausflug nach Köln 1960 bzw. Köln und mit dem Reisebus der Firma Schlösser nach Trier, Heidelberg oder auf den Großen Feldberg. Dabei begleitete uns auch unser Opa. Meine Eltern bauten 1963/64 ein Haus in einen unserer Weinberge. Notgedrungen musste auch Paul mit umziehen – aber einen alten Baum sollte man nicht mehr verpflanzen. Zwei Jahre sollte er noch in diesem Haus leben. Dann überging er, der bei Wind und Wetter in Garten und Wingert arbeitete einen grippalen Infekt. Er war schon den ganzen Tag etwas seltsam gewesen, las die Zeitung zweimal und wirkte überhaupt etwas zerstreut. Meine Mutter wollte noch einen Arzt herbeirufen, doch dieser hatte noch andere Termine, versprach aber, in der Früh vorbei zu schauen. Doch als der Arzt morgens vorbei kam, war es schon zu spät. Paul hatte aufstehen wollen, war aber auf seinem Bett zusammengebrochen. Ein kurzer Todeskampf, dann war es vorbei. Alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Unter der Beteiligung einer Abordnung seiner geliebten „Freiwilligen Feuerwehr Braubach“ wurde er zu Grabe getragen. Mittlerweile ist nach über 25 Jahren seine Grabstelle abgeräumt.
Paul Karl Dorscheimer geb.: 27.09.1887 in Braubach/Rhein gest.: 09.11.1966 in Braubach/Rhein |
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